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Exponentielles Wachstum

Exponentielles Wachstum in einer endlichen Welt

Bietet das Unbehagen in der Kultur angesichts der Pandemie eine Chance für grundsätzliche Veränderungen?

von Till Briegleb

Vom Standpunkt biologischer Gesetzmäßigkeit aus betrachtet ist die COVID-19-Pandemie eine ganz simple Problemstellung. Viren, die Seuchen auslösen, gab es schon immer. Man muss sie halt bekämpfen, so gut man kann. Das ist gewöhnlicher Überlebenskampf, diesmal im technologischen Zeitalter. Eine Aufgabe für Pragmatiker*innen, die heute Expert*innen heißen. Mit anderen Problemen der Zivilisation hat das medizinische Thema eigentlich nichts zu tun. Schon gar nicht mit der Kultur.

Doch irgendetwas an dieser wissenschaftlichen Logik ist nicht folgerichtig. Warum erklären anlässlich der dritten SARS-Epidemie innerhalb von 17 Jahren plötzlich lauter Großköpfe der Kunstwelt, viel weniger fliegen zu wollen, vom Super-Kurator Hans Ulrich Obrist, der außerdem nie wieder Fleisch essen will, bis zu Museumschefs wie Sam Keller, Hermann Parzinger oder Yilmaz Dziewior? Warum schreiben andere prägende Männer des internationalen Kunstmarktes wie Jerry Saltz und Lorenzo Rudolf plötzlich Manifeste, in denen sie ein Ende der Gier und der kapitalistischen Mentalität fordern? Und was bringt irrlichternde Prominente dazu, in der Corona-Krise als Aluhüte krude Verschwörungstheorien über flüssige Chips zu verbreiten, die Bill Gates mit seinen Impfmitteln in die Menschen bringen möchte, damit eine Geheimloge uns zu Zombies machen kann?

Sind all diese gegensätzlichen Akteur*innen von apokalyptischen Visionen befallen und erkennen in der Virus-Krankheit eine Heimsuchung Gottes für unsere Sünden, ein Zeichen satanischer Machenschaften? Interpretieren sie wie unser Bundestrainer Jogi Löw die Seuche als Rache einer „personifizierten Erde“, die sich endlich energisch gegen die Zumutungen der Menschheit wehrt? Oder was haben Klimaziele, Wirtschaftsdenken und Verschwörungstheorien über Eliten, die Kinderblut trinken, mit infektiösen Viren zu tun, die es bereits in der chemischen Ursuppe gab, aus der sich alles Leben entwickelt hat?

Es könnte sein, dass all dieses wabernde Unbehagen, das anlässlich der COVID-Bedrohung sichtbar wird, seinen Ursprung in der wichtigsten Debatte unserer Zeit hat, die leider niemand so richtig führen mag: der Debatte um die Wachstumswirtschaft. Denn das mittlerweile allgemein verfügbare Wissen, dass ständige ökonomische Expansion die globale Lebensgrundlage von Flora und Fauna vernichtet, änderte bisher sehr wenig daran, dass die meisten Menschen einfach weiter machen, wie bisher. Der Grund, warum schlechtes Gewissen und Ängste plötzlich so vehement an die Oberfläche der internationalen Kulturgemeinde drängen, mag im Bild einer steilen Kurve begründet sein.

Die grafische Darstellung ansteigender Infektionen, die sich exponentiell erhöhen, wenn keine Gegenmaßnahmen ergriffen werden, hat vielen Menschen plastisch vor Augen geführt, was „exponentielles Wachstum“ tatsächlich bedeutet. Jeder ungebremste Anstieg, der sich periodisch um einen Faktor x vergrößert, führt unweigerlich in die Katastrophe. Und vielleicht hat es beim Anblick exponentiell steigender Infektions- und Todesraten nun manchem gedämmert, wie ähnlich diese Kurve der Darstellung von exponentiellen Wachstumsraten der Wirtschaft ist, und was das für die Patientin Erde bedeutet.

Denn was wir wie gläubig als Erfolgslinie unseres Wirtschaftsmodells anstarren, und was nach dem Einbruch durch die Lockdown-Maßnahmen wieder unwidersprochen in jeder Talkshow und jedem Leitartikel als Allheilmittel der ökonomischen Genesung gepriesen wird – nämlich neue steile Wachstumsraten – das zeigt tatsächlich die progressive Abwrackprämie für das Ökosystem, die globale Gerechtigkeit und die Zukunft unserer Kinder und Enkel an. Oder wie es der alternative Wirtschaftswissenschaftler Kenneth Boulding einmal so pointiert ausgedrückt hat: „Jeder, der glaubt, exponentielles Wachstum kann andauernd weitergehen in einer endlichen Welt, ist entweder ein Verrückter oder ein Ökonom.“

Auf jeden Fall bemerken plötzlich viele Menschen im Kulturbereich mit echter Vehemenz, dass die Krisen, die unsere Gesellschaft in immer kürzeren Abständen befallen – heißen sie „Finanz-“, „Klima-“, „Corona-“ oder „Sinnkrise“ –, doch irgendeinen Zusammenhang besitzen, der mehr als symbolischer Natur ist. Deswegen haben in der medizinisch-ökonomischen Krise plötzlich Ansagen Hochkonjunktur, die grundsätzlich neue Prioritäten in allen Bereichen des menschlichen Zusammenlebens fordern. Künstler*innen, Architekt*innen, Kurator*innen und Kritiker*innen schreiben und sprechen plötzlich von „Bescheidenheit“, von „Solidarität“ und „Konsumvernunft“. Verbal darf gerade alles in Frage gestellt werden.

Jedenfalls dort, wo die ökonomischen Rücklagen es erlaubten, in den Corona-Ferien mal in sich zu gehen. Bei den meisten Kulturschaffenden in der Welt hat das massive Versagen der Regierungen, selbständigen Kreativen genauso zu helfen wie großen Konzernen, allerdings das Thema der nackten Existenz ziemlich solo in den Vordergrund geschoben. Aber auch dort hat die Einsicht über die Scheinheiligkeit des Wachstumsstaats bei den versprochenen „schnellen und unbürokratischen Soforthilfen“ – wie in Deutschland – die Einsicht reifen lassen, dass rücksichtslose Gewinnwirtschaft und Wohlfahrtsstaat wohl unvereinbar sind. Die immer mehr Unterstützung findende Forderung nach dem „Bedingungslosen Grundeinkommen“ und der Abschaffung der schikanösen Hartz-IV-Bürokratie ist einer der konkretesten Schritte zur Infragestellung von aktuellem Systemdenken.

Noch sucht das Unbehagen in der Kultur zu der Ahnung, dass die Welt auf der Kippe steht (und zwar eher auf der Müllkippe), nach plausiblen Erklärungsansätzen, was nicht zu stimmen scheint und was es zu ändern gilt. Architekt*innen diskutieren, wie beim Bauen und Stadtplanen in Zukunft damit umgegangen werden soll, dass zu den ökologischen Zwängen auch noch epidemiologische kommen. Kurator*innen und Intendant*innen machen sich Gedanken, wie der peinlich große ökologische Fußabdruck ihrer Events minimiert werden kann, ohne die reiseaufwendigen Formate wie Biennalen und internationale Festivals ganz in Frage zu stellen.

Und in manchen kulturellen Nischen wird anlässlich des wiederholten SARS-Ausbruchs auf Tiermärkten tatsächlich darüber gesprochen, dass COVID-19 nur eine von unzähligen Episoden ist, wo die destruktive Konsequenz des Fleischverzehrs sichtbar wird. Dass ein Nahrungsmittel, dass nur sieben Prozent des menschlichen Energiebedarfs deckt, dafür aber 75 Prozent des weltweiten Agrarflächen für Futtermittel verbraucht, bei vernünftigen Menschen die absurden Konsumgewohnheiten der Gesellschaft in Frage stellen müsste, will allerdings noch kaum jemand so richtig an sich ran lassen. Denn mit persönlichem Verzicht und praktischer Konsequenz tut man sich auch in klugen Kreisen ordentlich schwer.

Deswegen geben die vielen nachdenklichen Kommentare im Verlauf der Krise, was nun alles grundsätzlich zu ändern sei in der Kultur, der Politik und der Welt, nur beschränkten Anlass zur Euphorie. Auf jeden nachdenklichen Galeristen wie Marc Glimcher, den Chef der New Yorker Pace-Galerie, der nach einer Infektion mit SARS das ganze kulturlose Bereicherungssystem des kommerziellen Kunstmarkts in Zweifel zog, kommen hundert Galerist*innen, die in der Corona-Auszeit lieber daran gearbeitet haben, ihre digitalen Verkaufsformate gewinnträchtig auszubauen.

Und wenn man Kulturorganisator*innen direkt anspricht, wie sie nach dem klimafreundlichen Shutdown ihren Beitrag dazu leisten wollen, mit weniger Weltverbrauch kulturellen Austausch zu ermöglichen, steht auch dort der eigene Statusegoismus wieder vor dem Gewissen. Tatsächlich erhält man meist die – wenn auch schamvoll verklausulierte – Antwort: Gar nicht! Die Begründung? Fliegen und mit Großevents massiv Flüge von Kulturtouristen zu provozieren sei so wichtig für den geistigen Austausch in der Welt, dass hier Klimaziele einfach wegfallen müssen. Sollen doch die anderen die Welt retten, wir reden ja schon drüber.

Mit dieser treuen Fortführung kapitalistischer Eigenutz-Philosophie, die den Planeten gerade in einen Abfallball verwandelt, verspielt die Kulturbranche die Chance, die ihr COVID-19 bietet, nämlich grundsätzlich zu werden. Aber vielleicht führt der tiefe Schock längerfristig doch zu einem Unbehagen in der Kultur, das zu systemrelevanten Fragen weiterleitet, wie wir leben und wirtschaften wollen, um dies mit persönlicher Konsequenz auch glaubwürdig zu machen. Es wäre so schön, wenn es nicht erst eine nächste Pandemie von der Tödlichkeit des Ebolavirus' braucht, bis das exponentielle Wachstum als Ursache aller fundamentalen Krisen unserer Zeit erkannt wird. Nicht nur bei der Virenvermehrung.

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