Magazin

Der schönste Arbeitsplatz auf Erden

Dean Kissick im Gespräch mit Irena Haiduk

von Dean Kissick

Irena Haiduk ist eine serbische Künstlerin, die auf ungewöhnliche Weise die Welt verändern möchte. Sie ist Mitbegründerin des kollektiv geführten Unternehmens Yugoexport, das sich zum Ziel gesetzt hat, das Leben für seine Arbeitskräfte und die Kundschaft gleichermaßen zu verbessern. Sie arbeitet außerdem – langsam, Szene für Szene, Raum für Raum, über viele Ausstellungen hinweg – an einer Filmadaption von Michail Bulgakows dunklem, verwickeltem Fantasyroman Der Meister und Margarita (1966). Irena Haiduk unterrichtet am Barnard College in New York City und leitet eine eigene Kabarettgruppe, das Cabaret Économique. Vor Kurzem eröffnete sie im Neuen Berliner Kunstverein (n.b.k.) eine Ausstellung über die Frauenbank Berlin, ein 1910 gegründetes Kreditinstitut für Frauen. Und in der Kunst Halle Sankt Gallen zeigte Yugoexport die Soloperformance All Classifications Will Lose Their Grip.

In diesem Sommer beginnen Irena und Yugoexport gemeinsam mit Urbane Künste Ruhr, in der inzwischen entweihten Kirche St. Bonifatius in Gelsenkirchen den Healing Complex, eine Art Heilstätte, zu schaffen. Sie planen, in dem brutalistischen polygonalen Gebäude aus den 1960er Jahren einen Gemeinschaftsofen zu bauen und Backwettbewerbe zu veranstalten – darüber hinaus träumen sie von einem Spa. Und sie wollen die Nachbarschaft befragen, was diese sich dort wirklich wünschen würde.

Ich habe mich mit Irena in einem Szechuan-Restaurant in New York City getroffen, um Spicy Tripe, scharfe Innereien, zu essen und von ihr zu erfahren, wie Kunst uns helfen kann, die Welt zu verbessern.

Du denkst schon seit 2018 über den Healing Complex nach.

Ja. Britta Peters (künstlerische Leiterin von Urbane Künste Ruhr) nahm 2018 Kontakt zu mir auf und bat mich um einen Beitrag zu diesem öffentlichen Kunstprojekt, das normalerweise aus Skulpturen oder großformatigen temporären Arbeiten besteht. Und damit habe ich immer meine Schwierigkeiten, weil ich nicht will, dass Dinge einfach weggeworfen oder nicht mehr genutzt werden. Ich habe oft erlebt, dass meine Werke nach der Ausstellung auf dem Müll landen. Also habe ich geantwortet, dass ich nicht einfach eine Skulptur erschaffen, sondern etwas machen will, das möglichst lange Bestand hat, länger als nur ein Jahr. Damals recherchierte ich gerade in Athen zu den Heilstätten der antiken Griechen. Die bauten das nosokomeío, das Krankenhaus, am selben Ort wie das Theater und das Spa. Es ging ihnen dabei um das Zusammensein, um gemeinschaftliches Erleben. Im klassischen Theater gab es oft den Moment der Poiesis, wenn tragischer Terror oder komödiantisches Gelächter gemeinsam erfahren werden.

Britta gefiel die Idee, und sie und ihr Team begannen, sich nach geeigneten Orten umzuschauen, einige habe ich mir auch selber angesehen. Irgendwann rief sie an und sagte, es gebe die Möglichkeit, das Projekt in Gelsenkirchen anzusiedeln, einer Stadt mit einer langen Migrationsgeschichte. Das ganze Ruhrgebiet ist eine ehemalige Bergbauregion, viele Menschen sind wegen der Arbeit zugewandert. Also habe ich mir einen Ort vorgestellt, an dem wir die verschiedenen Kulturen aus Syrien, dem ehemaligen Jugoslawien, Italien und Deutschland zusammenbringen und herausfinden können, was sie in ihrem Alltag vereint. Dabei kamen wir darauf, dass es in allen Kulturen eine Tradition des gemeinschaftlichen Backens gibt. Sowohl in Deutschland als auch in Nordafrika und im Nahen Osten existieren öffentliche Backstuben, in denen immer ein Ofen brennt, man kann eigene Zutaten mitbringen und backen. Also beschlossen wir, eine Backstube für alle zu bauen und im Sommer die Menschen zu Backwettbewerben und Backshows einzuladen. Wenn ich vor Ort bin, werde ich echte neapolitanische Pizza und Sauerteig- oder Roggenbrot backen.

Auch Saunas gibt es in allen Regionen und Religionen. Daher kam mir die Idee, den Ofen zum Backen zu nutzen und gleichzeitig die abgegebene Hitze in eine Sauna zu leiten. Der Healing Complex wird eine sehr handfeste Ökonomie haben. Zum Teil ist das die Ökonomie von Brot: Es war die Grundlage der ersten Währung, die ersten Münzen entsprachen dem Wert eines Brotlaibs. Wir wollen eine Ökonomie einrichten, die nicht auf Geld basiert. Die Menschen können ihre Arbeitskraft einbringen oder andere Dienstleistungen erbringen und dafür die Sauna nutzen oder Backwaren und Mahlzeiten bekommen. Aber ich werde auch eine Ökonomie der Frottage (Kunstwerke, die durch Abreibung entstehen) einführen, sodass man Scheine abreiben kann, die sofort für die Sauna gültig sind, man kann sich sein eigenes Geld abreiben und eine Währung erschaffen.

Wird es bei den Backwettbewerben Konkurrenzkampf geben?

Ja. Auf jeden Fall. In Deutschland existiert eine riesige Back-Fangemeinde. Hobbybäcker*innen sind wohl in jeder Kultur stolz auf ihr Werk. Es wird auch Preise geben, aber das eigentlich Wichtige an den monatlich stattfindenden Wettbewerben ist, die Menschen zusammenzubringen. Die Preise sind Nebensache. Ich möchte die Menschen um den Ofen versammeln und sie fragen, ob sie einen solchen Ort nutzen würden. Wir haben in diesem Sommer mehrere Monate lang Zeit, um herauszufinden, ob in der Gegend Bedarf für eine solche Stätte besteht und wie sie aussehen sollte. Wenn der Bedarf feststeht, werden wir die Backstube bauen.

Durch Corona sind viele Beziehungen zerfallen, und ich finde, dies ist eine gute Gelegenheit, auf neue Weise wieder Verbindungen zu knüpfen. Ein Ort zum Ausruhen, ein Ort der Kreativität, der Heilung als Praxis und Grundrecht könnte sehr hilfreich sein. Vermutlich denke ich auch an mich selber, und was ich mir für mich wünsche, wünsche ich auch anderen.

Was wünschst du dir für dich?

Ich wünsche mir, den allerschönsten Arbeitsplatz auf Erden zu haben, wo alles, das man tut, Neues inspiriert, auch Zusammenhalt und das Recht auf Poesie. Außerdem wollen wir ein optimales Kreislaufmodell schaffen, einen Ort, an dem keine Energie verschwendet wird: Ich wünsche mir, dass wir die Backstube mit Lehm dämmen, Regenwasser sammeln und den Ofen mit Solar- und geothermischer Energie heizen. Ich will beweisen, dass das möglich ist, und meiner Meinung nach sollte so etwas staatlich subventioniert werden. Ich will keinem ein schlechtes Gewissen machen, aber ich wäre dafür.

Vielleicht lässt sich so ausprobieren, wie man die Menschen dazu verführen könnte, Geld und Besitz nicht mehr so wichtig zu nehmen. Es gibt ja das Konzept von Allgemeingut, und ich finde, es sollte für alles eine Art Bibliothek geben. Das habe ich mit meinen Studierenden besprochen. Es wäre großartig, wenn wir eine Bibliothek für Wohnungen und eine Bibliothek für Kleidung hätten, Bibliotheken für alles, die allen zur Verfügung stünden. Der Healing Complex bietet die Chance, auszuprobieren, was Kunst bewirken kann, denn in diesem Rahmen ist vieles möglich. Man kann eine Backstube nutzen, ohne selbst Bäcker*in zu sein. Die Tatsache, dass alles möglich ist, kann wirklich Türen öffnen, und ich bin sehr gespannt, was passieren wird.

Was wäre dein Traumziel?

Einen sowohl ökologisch als auch ökonomisch autarken Gemeinschaftsraum zu schaffen. Ich habe nie dadurch gelernt, dass mir jemand etwas erzählt hat; man musste mir immer zeigen, dass etwas möglich ist. Im besten Fall also ... Ich meine, die ganze Welt steht auf dem Spiel. Und die Menschen müssen dazu verführt werden, anders zu leben und Dinge anders wertzuschätzen. Dies ist ein Test, ob Kunst zu diesem Prozess beitragen kann.

Dean Kissick ist Redakteur beim Spike Magazine, New York. In seiner monatlichen Kolumne untersucht er die Kultur einer kollabierenden Gesellschaft. Er wurde in Deutschland geboren und wuchs auf dem Land von Oxfordshire auf, bevor er mit 18 Jahren nach London zog, um am Courtauld und am Royal College zu studieren.

Verschiedene Arten der Einfahrt – ­Welcome to the Dirty Archive

„Viele kleine, menschlich anmutende Wesen lassen sich unter die Erdoberfläche hinab. „Verschiedene Arten der Einfahrt“ steht neben der Abbildung eines Holzschnitts (1556) aus De re metallica...“

Mixed Material Arts

Mit dem Know-how der Hanseatischen Materialverwaltung und von dieser inspiriert, entstand im Ruhrgebiet mit der Materialverwaltung on Tour ein gemeinnütziger Fundus.