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UKR Spielstrasse 8884 c Henning Rogge

Mehr Pflanzen und Tiere in die Stadt — Die Spielstraßen GmbH

von Jana Kerima Stolzer

Olympiaden könnten spielerisch eine neue Welt erproben, Vorstellungen für ein demokratisches Miteinander provozieren, den Sprung aus dem Gegenwärtigen wagen, um das Zukünftige menschlicher zu denken. Die Vision, die Robert Jungk 1972 rückblickend auf die Spiele in München beschreibt, sehnt eine Angleichung von Verhältnissen herbei: Sowohl das ursprüngliche als auch sein zukünftiges Bild der Olympiade feiert den Frieden der Nationen, jener Friede, der mit der Erlösung von Gebundenheit, Machtverhältnissen und Ängsten einhergeht. Indem der arbeitende Mensch starren Strukturen unterliegt, hat er das Spielerische, die eigene Schöpfungskraft verloren, so Jungk. Die olympische Spielstraße wagte ein Experiment und forderte zum gemeinsamen Spiel und zur Spontanität auf. Sie lud Menschen jeglicher Herkunft umsonst und draußen ein, sich auf Neues einzulassen, einmal wieder das spielendende Kind in sich zu entdecken: auf mit Wasser gefüllten Matten zu hüpfen, im nächsten Moment mit Hand und Fuß Metallobjekte erklingen zu lassen, um danach dem zufällig vorbeikommenden Zug zur Olympiade 2000 beizuwohnen, ab abends dann Musik und Tanz bis spät in die Nacht.

Am Eröffnungstag der Spielstraße nimmt der Sender Freies Berlin (SFB) auf Tonband einige Meinungen aus dem Publikum auf:

Reporter: Was halten Sie von dieser Art des Theaters?

1. Dame: Überhaupt nichts. Ist mir zu laut.

1. Herr: Ich finde es sehr gut.

2. Herr: Die spielen, die wollen gar nichts erreichen. Das ist so für sich selber. Das macht auch dem Publikum Spaß. Das Publikum macht mit. Das Ganze hier ist völlig zwecklos, aber es muss ja nicht immer gleich was dabei gedacht werden.

3. Herr: Ja, es ist ganz angenehm, dös anzuschauen da. Es ist mal was anderes, was Aufgelockertes.

4. Herr: Totaler Unsinn. Ich weiß es nicht.

2. Dame: Wir überlegen grad selber und machen immer Ratschläge.

5. Herr: Erstens mal sprechen’s Englisch, zweitens mal is des kei Bühne, des is alles durcheinander.

Der Kulturreferent Münchens Herbert Hohenemser reflektiert die Spielstraße 1972, indem er sie für zukünftige Editionen nach den Erfahrungen in München eher in innerstädtischen Räumen sieht. Ihre Bestimmung, kulturelle Freiräume zu erzeugen, könne nur dort funktionieren, wo der Mensch von Grund auf das Miteinander, Politik und Kommunikation pflege.

Schon vor den ersten Konzeptionen zur Olympischen Spielstraße befasste sich Werner Ruhnau ausführlicher mit jenen »Orten der Begegnung«. 1968 veröffentlicht er in dem Architekturmagazin Baumeister einen Artikel mit der Überschrift: Körper – Krypto – Mikro – Meso – Makro – Klima – Planung. Der Begriff »Umweltklima« dient ihm als Beschreibung der näheren Atmosphäre, die alle Lebewesen umgibt. Temperatur, Licht, Akustik und Feuchtigkeit wirken auf den menschlichen Körper ein, sorgen für Empfindungen und beeinflussen so das gesellschaftliche Miteinander. Bei milden Temperaturen und Sonnenschein strebt der Durchschnittsmensch nach draußen, geht sozialen Aktivitäten nach und ist der Umwelt gegenüber offener eingestellt. Bei jeder Planung von Raum, architektonisch oder kulturell, muss also der Mensch als empfindendes Wesen im Mittelpunkt stehen. Laut Ruhnau gehören Bildhauer*innen, Musiker*innen und Maler*innen in Teams für Stadtplanung ebenso dazu wie Soziolog*innen, Psychoanalytiker*innen und Architekt*innen. Wenn es zur Umsetzung und Neugestaltung einer Umgebung kommt, sollte sich das künstliche Umweltklima nach den Idealbedingungen, innerhalb welcher der Mensch am konzentriertesten arbeiten kann und körperlich am leistungsfähigsten ist, ausrichten. Nach einer Studie von Victor Olygay, Princeton Universität umfasst das optimale klimatische Milieu für geistige Arbeit 20–22 °C, 20–80 % Luftfeuchtigkeit, 40–50 db und 100–3000 Lux.

Wenn der Mensch seit Jahrhunderten sein natürliches Körperklima der Umgebung mittels der künstlichen Schutzschichten Kleidung und Behausung anpasst, kann der städtische Lebensraum vergleichbar gedacht werden. Künstliche Schutzhüllen könnten offene Plätze vor Sonneneinstrahlung und Regen schützen. Für einen zeitgemäßen Architekten gehöre es sich, sich mit Körperphysiologie und Bioklimatologie zu befassen. Unter welchen Bedingungen fühlen sich Stadtbewohner*innen am wohlsten, welche Temperatur regt zur Bewegung an, unter welchen Lichtverhältnissen kann Arbeit am Computer stattfinden? Auf den ersten Blick scheint es, als hätten moderne Einkaufszentren oder Bürolandschaften diese architektonische Vision teilweise verwirklicht. Licht, Temperatur und Geräuschkulisse sind den Idealverhältnissen angepasst, jedoch mit dem Unterschied zu Ruhnaus Vision, dass jene Architektur von privater Hand geplant wurde und weder zur freien Bewegung im Raum einlädt, noch allen Zugang erlaubt. Das Umweltklima Ruhnaus bezieht sich auf die Stadt als solche und ihre Funktion als ganzheitlichen Lebensraum, geplant aus öffentlicher Hand, mit der Schaffung einer für alle lebenswerten und menschwürdigen Umgebung als Ziel.

Utopisch scheint dieses Vorhaben, betrachtet man die bereits existierenden Städte und ihre Strukturen: Diese Städte sind gebaut und bewohnt. Es wundert nicht, dass gerade die in kürzester Zeit geschaffene Nachkriegsarchitektur zahlreiche Autor*innen zu Reflexionen anregt. Alexander Mitscherlich verfasst 1965 den Text Die Unwirtlichkeit der Städte, worin er sich mit jener Stadt befasst, die weder nach natürlich in Jahrhunderten gewachsenen Strukturen noch nach Gesichtspunkten der Anteilnahme entstanden ist. Die Stadt, die er beschreibt, besteht aus Wohnsilos, Hochhäusern, Trabantensiedlungen und Gewerbegebieten. Die Funktion der einzelnen Stadtteile bestimmt die Bauweise, Häuserfassaden und Straßen zeigen sich gesichtslos und austauschbar, eine mögliche Neuplanung unterwirft sich wahlloser Verteilung von Besitz- und Grundverhältnissen. Die Menschen, die sich für ihre Stadt verantwortlich fühlen und sie gestalten wollen, benötigen seiner Ansicht nach allerdings Identifikationsgegenstände und -orte: Straßenzüge, die sie gerne begehen, Parks, die benutzt werden können, Häuserfassaden, die Geschichten erzählen, Anreize, sich nach draußen zu bewegen, Räume, die zum Aufenthalt einladen.

Diese Utopie will Ruhnau 1973 aufbauend auf die Erfahrungen der Spielstraße in München zur Wirklichkeit machen und gründet mit einem Team aus Psycholog*innen, Künstler*innen, Marktforscher*innen, Soziolog*innen und Ökonom*innen die Spielstraßen GmbH (Spielstraßen Gesellschaft für Umweltrehabilitation, Planung von Kommunikationsprogrammen und Bauanlagen mbH) um Verödung in Stadtzentren entgegenzuwirken.

Aus den ersten Konzeptpapieren:

Gegenstand des Unternehmens ist es, zur Steigerung der Lebensqualität und in Verfolgung einer allgemeinen Daseinsfürsorge in städtischen und ländlichen Räumen Kommunikations-Programme und Bauanlagen zu entwickeln. Dies geschieht insbesondere durch städtebauliche Sanierungsvorschläge, durch Erarbeitung kultureller Programme und Errichtung oder Sanierung von Bauten sowie Gestaltung von Spielstraßen im Sinne eines den Bürger fortbildenden Freizeitangebots. Konkret entwickelt das Team einen Entwurf für jeweils drei Tage Aktivitäten in Dortmund, Krefeld, Mülheim und Wuppertal mit dem Thema: Animation der Bürger zur Pflege ihrer Häuser; Identifikation mit ihren Straßen und Plätzen, deren Bewohnung; mehr Pflanzen und Tiere in die Stadt.

Die jeweilige Stadt kann als Auftraggeberin aus einem Katalog bestimmter Themen, wie Klima, Tiere, Pflanzen, Denkmal, Wohnen oder Häuserpflege, verschiedene Projekte einladen und eine individuelle Spielstraße gestalten. Neben begehbaren Klangkörpern, Musikgruppen, Straßentheatern und künstlerischen Arbeiten werden Workshops für Tanz, Bewegung und Kommunikation angeboten. Einzelne Aktionen beziehen sich immer auf den Ort, für den sie geplant werden sollen. Es wird gemeinsam gekocht, gezeichnet, diskutiert und erlebt. Im Konzeptpapier finden sich auch einige Künstler der Münchner Spielstraße wieder. Schon lange vor der eigentlichen Realisation fordert die Spielstraße GmbH die Auftraggeber auf, Kooperationen mit lokalen Kulturvereinen für die Spielstraße zu schließen, um möglichst viele lokale Akteur*innen zu integrieren. Den Machern geht es um ein Wiederbeleben der städtischen öffentlichen Orte – und gleichzeitig auch darum, Vorschläge zu entwickeln, die nach der temporären Spielstraße langfristig für Identifikation und Lebendigkeit sorgen könnten. Auf Dauer sieht die Spielstraßen GmbH ihre Bestimmung darin, Plätze und Straßen entgegen der reinen Repräsentations- und Infrastrukturfunktion wieder für Stadtbewohner*innen zugänglich zu machen – ganz im Sinne von Mitscherlichs Kritik an der Ghettoisierung der Städte und Jungks Vorschlägen für eine bessere Zukunft plädiert die Spielstraßen GmbH für eine Durchmischung der Stadtviertel sowie einen humanen Mietpreis. Dazu gehört auch die Forderung nach Wohnraum, der sich fußläufig von der Arbeitsstelle erreichen lässt. Bepflanzte Dächer, grüne Plätze und Straßen ohne Fahrzeugverkehr: Orte, die gerne belebt werden, Orte, die ein Stück Zuhause darstellen und Orte, die den Bewohner*innen Bewusstsein gegenüber ihrem Lebensraum zurückgeben. Schließlich beauftragte keine der oben genannten Städte die Spielstraßen GmbH, Grund dafür waren die hohen Kosten.

In Die Unwirtlichkeit der Städte zieht Mitscherlich bereits zu Beginn seiner Ausführungen folgendes Fazit:

Der Mensch wird so, wie die Stadt ihn macht, und umgekehrt; mit fortschreitender Urbanisierung trifft das auf immer mehr Menschen zu. Wir haben nach dem Krieg die Chance, klüger durchdachte, eigentlich neue Städte zu bauen, vertan. Vielleicht wurde die Chance damals vertan, jetzt 50 Jahre später, kämpfen jene Gebäude aus der damaligen Zeit um ihre Substanz, so dass Neubau und Umstrukturierung häufig rentabler scheinen. Die Stadt und ihr öffentlicher Raum befinden sich auch heute konstant im Werden, ihre Nutzung und Bewohnung verändert sich mit der zunehmenden Krise durch Privatisierung und zunehmender Digitalisierung. Konstant bleiben die Fragen an ihre gemeinschaftliche Planung. Robert Jungk betont, dass das Spielen gelernt anstatt beigebracht werden müsse. Das Verb setzt eine aktive Haltung des Subjektes voraus und bezieht sich auf einen Prozess, der auch Jahrzehnte andauern kann. Die Spielstraßen wollten zur aktiven Haltung jedes Einzelnen anstiften, der Stadt mit wachen Augen gegenüber zu treten und sie als einladenden Ort zu gestalten. Diese Chance existiert bis heute – zeitgenössische Spielstraßen könnten auch in der Gegenwart eine breite Beteiligung an Stadterneuerungsprozessen herausfordern. Zu fragen bleibt, wie diese im Anbetracht von Digitalisierung und Privatisierung öffentlicher Räume beschaffen sein müssten.

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