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UNTER­TAGE­BUCH (Auszüge)

von Guy Königstein

Lieber Alter Mann,

seit einigen Tagen befinde ich mich in deiner Heimat. Dem Zufall verdankt, wird sich mir die innere Motivation dieser Forschungsreise vielleicht niemals offenbaren. Einen genauen Bestimmungsort definierte ich vor meiner Abreise ebenso nicht.

Du bist aber mein Kompass. Und ich werde dir treu bleiben.

Würdest du mir dabei helfen, dich aufzuspüren? Etwa den Weg ins Innere des Berges leuchten? Deine Stimme durch den Wetterschacht hören lassen?

Bitte?

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Meine Suche verläuft zäh. Die Berglexika im Haus der Geschichte des Ruhrgebiets bekräftigen zwar eindeutig, dass du hierher gehörst; andere Verweise führen mich hingegen in nebelige Terrains. Bisher traf ich dich vor allem unter der Rubrik der Bergschadenkunde an, zwischen mathematischen Formeln, die ich überhaupt nicht verstehe. Gelegentlich wirst du aber auch voller Bewunderung in Berichten über deine Rolle beim ‚Wunder von Lengede‘ erwähnt. Damals im Jahr 1963. In einem Buch gab es sogar Fotos von dir und den elf Eingeschlossenen. Kurz war ich berührt. Ob es mir bald gelingen wird, gleichermaßen von dir umarmt zu werden?

Sonst: Gebirgsbeherrschung und Dauerstandsicherheit, Folgelandschaften und Unruhepotential, Mitbestimmung und männliche Monostrukturen, Berggeister und untertägige Abfalldeponie - überall Altlasten.

Ich hätte übrigens nicht gedacht, dass das Eingeben von ‚alten‘ statt ‚alter‘ im Suchportal des Archivs den Horizont der Suchergebnisse dermaßen erweitern könnte. Werde fortan alle Deklinationsvarianten ausprobieren müssen, inklusive Tippfehlern.

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Auf dem Hinweg fragte ich mich, ob wir uns gegenseitig erkennen würden. Aber nach einigen Schritten in den Geologischen Park hinein löste sich die leichte Aufregung dieses ersten Dates auf.

Gestürzte Strecke hieß es bloß auf der Plakette, die ich – so wie das Grab meines Großvaters – von Blättern abwischte. Dass es wahrhaftig um dich ging, hat mir Wikipedia wohl versichert. Und mir blieb einzig der erhoffte Blick in deine Augen."

Aber nein, deine Augen ließt du mich nicht erblicken. Deinen Kopf wandtest du ab.

Über den Zaun geklettert kam ich dir näher. Weiter hinein traute ich mich nicht. Mit einer Länge von knapp zwei Metern kamst du mir eher unspektakulär vor, wenig einladend.

Kurz posierte ich noch vor der Kamera, um unser erstes Treffen zu verewigen. Dann bin ich weggegangen, etwas enttäuscht.

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Sag mal, eine ‚Ausbildung bergfremder Personen im Alter von über 18 Jahren im Steinkohlenbergbau für die Beschäftigung unter Tage‘, könnte das etwas für mich sein? Oder vielleicht eher eine ‚Ausbildung zum Staubbeauftragten‘?

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Lange suchte ich dich heute im Bergbau-Museum in Bochum. Nur einmal kamst du in der Ausstellung vor; und zwar im Kontext des Bergbaus der jüngsten Vergangenheit – sehr verwirrend. Im Anschauungsbergwerk traf ich letztendlich ein Schild an: „Die gelbe Maschine schneidet die Kohle mit den drehenden Walzen aus dem Flöz. Übrig bleibt ein Hohlraum, der „Alte Mann“, der ohne Stützen einbricht“.

Hä … !?

Erst später in der Bibliothek verstand ich meinen Fehler. Deine Begrifflichkeit veränderte sich wohl über die Zeit. Während du vor mehreren Jahrhunderten als ein erst verlassenes und dann durch spätere Generationen wiederentdecktes Feld galtst, beschreibst du wohl inzwischen jeden ausgekohlten Bereich. Selbst Felder, die vor Kurzem durch die gewaltigen Walzmaschinen von der Kohle beraubt worden und sogleich zu Versatz oder Bruchsprengung im großen Stil verurteilt sind, heißen genau wie du Altmänner.

Vom Ort, der für eine überzeitliche Begegnung mehrerer Generationen Bergmänner steht, blieb nichts übrig.

Somit entzaubert sich meine romantisierte Vorstellung von dir als ein unterirdischer Prachthohlraum. Vielleicht in der Vergangenheit, als du dich oberflächennah befandest, und nicht unter extremen Gebirgskräften leiden musstest, konnte man dich als einen kompletten Raum antreffen, und als einen deiner Art entsprechend benennen. Aber – und das verstehe ich erst jetzt – als du dich immer tiefer abgebaut hast, konntest du irgendwann der Last kaum noch standhalten und du ließt dich allmählich unterdrücken, bis zu deinem vollständigen Untergang.

Und mit deinem voranschreitenden räumlichen Verschwinden, musstest du deinen Begriff erweitern und verallgemeinern, um als solcher überhaupt überleben zu können. Ach du Alter, ganz schön klug von dir.

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Fühlst du dich von mir ausgenutzt?

Meine Zeit bei dir neigt sich dem Ende zu und es häufen sich nur mehr Fragen an. Manchmal habe ich das Gefühl, ich habe dich aus dem Nichts – oder aus einer bestimmten Tiefe – herausgeholt, um mich mit meinem eigenen Altwerden auseinanderzusetzen. Oder vielleicht warst du als eine Tür gemeint, hinter der ich eine unausgesprochene Faszination für ältere Männer ausleben wollte?

Was ist aber dieser Raum, hinter dieser Tür? Was bist du für eine Fantasie und wie bist du zu dieser Projektionsfläche geworden? Oder vielleicht kann jeder Mensch ein ‚Raum’ für einen anderen Menschen sein? Eine Leere, die sich mit intimen Hinzudichtungen füllen lässt? Und ich auch?

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Heute habe ich dich in der Akte 200B im Bestand Betriebsrat des Bergwerks Westfalen gesucht. Unter dem Titel Meldepflichtige Unfälle und Unfälle mit Todesfolge sind hier Zeugenvernehmungen des Bergamtes gesammelt. Die trockenen Beschreibungen sind hart und obwohl du nie namentlich erwähnt wirst, müsste ich über deine Teilnahme spekulieren - du hast doch alle diese Ereignisse miterlebt!

Ist es ein Zufall, dass neben Kappenrutschen, Einklemmung zwischen Förderwagen oder Abreißen von Seilen, auch gelegentlich Steinfall und Bergbrockenlösung als Unfallursache genannt werden? Deine Art, Aufmerksamkeit einzufordern?

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Mein Lieber, es ist so weit, ich reise ab.

Mein Gepäck ist nun um 47,3 Gigabyte an Scans und Fotos schwerer. Ich nehme dich also mit, wohlwissend, dass du dich nicht anschließen wirst.

Wirst du dich denn an mich erinnern?

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