Magazin

Mixed Material Arts

von Robert Hemmleb, Laura Helena Wurth

Wenn eine Idee gut ist, dann wird sie bewundert und gefeiert. Wenn sie richtig gut ist, wird sie auch an anderen Orten umgesetzt, denn eine richtig gute Idee greift ein Bedürfnis auf, das nicht nur lokal verankert ist.

New York
Seit mehr als 40 Jahren gibt es in New York die gemeinnützige Organisation Material for the Arts, die sich der Wiederverwendung von Baustoffen und Objekten aus dem Kreativsektor widmet. Ihr Ziel ist es mit gebrauchten Materialien aus der Bühnenbildnerei, aus den Kunstinstitutionen und dem Messebau, die freie Szene, aber auch soziale Einrichtungen zu unterstützen und auch im Kulturbetrieb Nachhaltigkeit zu praktizieren. Gleichzeitig regt der Wiedereinsatz von Dingen, die vormals in verschiedenen künstlerischen Produktionen Einsatz fanden, zum Neudenken an. “Dedicated To Inspiring Imagination Through Creative Reuse” lautet der Leitgedanke von Material for the Arts, was frei übersetzt soviel bedeutet wie: Einer Inspiration der Fantasie durch kreative Wiederverwendung gewidmet. Das zeigt eigentlich schon sehr deutlich, dass es um mehr geht, als um ein Auffanglager für alten Theaterplunder. Es geht darum, ein Gefühl für Nachhaltigkeit zu entwickeln, das sich über die Geschichte von Gegenständen und ihren verschiedenen Verwendungen ausdrückt, um das Potential, das in diesen Gegenständen steckt.

Für kulturelle Produktionen werden die bizarrsten Requisiten hergestellt, es entstehen Dinge, die es auf der Welt eigentlich gar nicht gibt, weil sie sich nur in der Kunst außerhalb der Gebrauchslogik denken lassen. Ihre Existenz ist nicht dem Bedürfnis nach Nützlichkeit entsprungen, sondern ausschließlich der Fantasie. Dass diese Requisiten, nach einmaligem Einsatz, eigentlich für nichts anderes mehr zu gebrauchen sind, liegt in der Natur der Sache. Das Prinzip des gemeinnützigen Fundus hat jedoch das Potential, mit diesen Dingen weitere kreative Prozesse zu beeinflussen, erkannt und gebündelt: Vielleicht ist genau diese eine Requisite das entscheidende Puzzleteil, das es dem Kindergarten nebenan ermöglicht, sein neues Baumhaus zu bauen und weiterzudenken? So finden nicht nur die Gegenstände wieder Verwendung, sondern im weitesten Sinne auch die Ideen, die dahinterstehen. Es werden verschiedene, subtile Verbindungen zwischen den Kunstschaffenden einer Stadt kreiert, die sonst wenig bis keine Berührungspunkte haben. Material for the Arts ist mittlerweile eine fest etablierte Institution in New York mit einem ausgebauten Programm an Schulen und einem festen Netzwerk öffentlicher Institutionen.

Hamburg
Hamburg ist nicht New York. Doch auch in Hamburg finden jedes Jahr unzählige Messen, Film- und Fernsehproduktionen und Musicals statt, für die Materialien und Gegenstände jeder Art produziert, verwendet und entsorgt werden. 2013 wurde mit Hilfe der Kulturbehörde Hamburg und anderen öffentlichen Trägern der Stadtgesellschaft von Petra Sommer und Jens Gottschau die Hanseatische Materialverwaltung gegründet, um diese massive Müllproduktion des Kreativsektors anders zu kanalisieren, als dass alles am Ende einfach nur im Container landet. Die Hanseatische Materialverwaltung steuert der Logik des beständigen Neuproduzierens und Wegwerfens bewusst entgegen, indem sie in ihrem Lager im Hamburger Oberhafen gebrauchte Materialien sammelt, verleiht und verkauft. Der Preis für die Abnehmer*innen bemisst sich an ihrem geplanten Vorhaben. Die Regel: je gemeinnütziger, desto günstiger. Zugute kommt dies zum Beispiel freischaffenden Künstler*innen und Kunstprojekten von Jugendgruppen oder Studierenden ohne großes Budget, die durch den Fundus gefördert werden. Kommerzielle Projekte haben mit einem höheren, marktüblichen Preis zu rechnen, sind aber auch willkommen.

Die Wiederverwendung setzt dem klassischen Verkaufsmuster, bei dem ein Angebot erst aus der Nachfrage entsteht, ein alternatives Modell entgegen: Durch das Angebot entsteht die Nachfrage. Das sorgt nicht nur für eine sinnvolle Weitergabe von öffentlichen Mitteln, sondern entkoppelt die Kreativbranche auch ein Stück weit von den
Regeln des freien Marktes. Es entstehen ungeahnte Zwischenräume, in denen Ideen neue Wege finden können. Ähnlich wie in New York ist auch der Hamburger Fundus ein Schnittstellenort, an dem professionelle Mitarbeiter*innen aus den Bereichen Film, Messebau, Theater und Kunstinstitutionen auf Kollegen*innen aus der freien Szene, auf Schulklassen und Vertreter*innen anderer sozialer Einrichtungen treffen.

Materialverwaltung On Tour
Mit dem Know-how der Hanseatischen Materialverwaltung und von dieser inspiriert, soll im Ruhrgebiet ebenfalls ein gemeinnütziger Fundus entstehen — angesichts der hohen Dichte an Institutionen und Festivals erscheint das Etablieren einer solchen Einrichtung fast überfällig. Die Netzstadt Ruhr ist überraschend wenig vernetzt. Das bezieht sich nicht nur auf den öffentlichen Nahverkehr, sondern auch auf die einzelnen kulturellen Institutionen untereinander. Ein zentral gelegener, gemeinnütziger Fundus trüge mit Sicherheit dazu bei, dass sich die Kulturschaffenden des Ruhrgebiets interdisziplinär stärker wahrnehmen und besser kennenlernen würden. Für einen lebendigen Austausch der regionalen Szene braucht es einen gemeinsamen Ort, an dem sich verschiedene Wege kreuzen, sich Dinge erledigen lassen und an dem man sich gerne aufhält. Was liegt näher als dies mit der Idee des Fundus zusammenzudenken?

Die Materialverwaltung an der Ruhr (AT) soll von im Ruhrgebiet verwurzelten Kunstschaffenden realisiert werden. Initiiert wird das Projekt von Urbane Künste Ruhr mit dem european centre for creative economy (ecce). Die Materialverwaltung an der Ruhr soll in Eigenregie der Ruhrgebietler*innen geführt werden und entsteht parallel zu dem Hamburger Projekt. Zusätzlich zu dem Fundus könnte es im Ruhrgebiet nach Ansicht von Carina Hommel, Simone Bury und Aaron Stratmann, die als neue Gründer*innen im Gespräch sind, noch weitere speziell auf die Nachbarschaft des künftigen Standorts zugeschnittene Angebote geben, wie Workshop-Angebote und eine Kunstschule. Wichtig ist, dass das Projekt die Besonderheiten der Region berücksichtigt und sich inhaltlich und strukturell danach ausrichtet. Die Hauptmerkmale der erprobten Vorbilder werden modifiziert und neue Module erfunden.

Bevor die Materialverwaltung an der Ruhr startet, arbeiten die Hamburger*innen und die aus dem Ruhrgebiet stammenden Akteur*innen gemeinsam an einem Vorläufer-Projekt: Zusammen realisieren sie die Materialverwaltung On Tour als funktionierendes Schaulager und erste Anlaufstelle für Besucher*innen des Ruhr Ding: Territorien in Bochum. Das Projekt findet auf dem großen Platz beim Colosseum an der Alleestraße statt und trägt hoffentlich viel dazu bei, ihn als öffentlichen Ort zu beleben und als nutzbare Fläche für Alle erneut ins Bewusstsein zu rufen, während man gleichzeitig eine Idee transportiert und vermittelt. Das temporäre Modell soll dabei genauso funktionieren, wie die Materialverwaltungen in New York, Hamburg — und die künftige an der Ruhr.

Erstveröffentlichung im Urbane Künste Ruhr Magazin #1 (2019)

UNTER­TAGE­BUCH (Auszüge)

„Lieber Alter Mann, seit einigen Tagen befinde ich mich in deiner Heimat. Dem Zufall verdankt, wird sich mir die innere Motivation dieser Forschungsreise vielleicht niemals offenbaren [...]"

Netzstadt Ruhr: Das Ruhrgebiet als Rhizom

Städte können gelesen werden. Michael Buto beschreibt in La Ville comme texte die Stadt als einen doppelten Text.